Kommentar
Hilft die Kommerzialisierung unserem Sport?
Immer stärker verlagert sich die Verkaufswerbung, finden immer mehr Brieftauben-Auktionen im Internet statt. Bei pipa.be international werden mittlerweile Verkaufserlöse in schwindelerregenden Höhen gebucht.
Anscheinend keine Seltenheit mehr, wenn über das Medium Internet einzelne Schläge, hier vornehmlich unserer westlichen Nachbarn, aber auch deutschen Schlägen gelingt es schon, Verkaufsbeträge in Millionenhöhe zu erwirtschaften. Wer kann schon solche Preise zahlen, fragt sich berechtigt der Durchschnittszüchter. Immer wieder vernehmen wir, dass Tauben mit solch horrend erzielten Verkaufssummen nach Fernost, wie China, Taiwan, Japan, Thailand, Singapur oder auch in die Wüstenstaaten vermittelt werden. Der Durchschnittszüchter wundert sich nur, zumal es oft Länder sind, in denen große Bevölkerungsteile fernab eines normalen Lebensstandards, wie wir ihn kennen, oft in großer Armut leben müssen. Hebt der Brieftaubensport ab und wird immer weniger bezahlbar für den sogenannten kleinen Mann, den Sportfreund, der die große Mehrzahl der Mitglieder im Brieftaubensport bilden soll? In der Tat, verglichen mit früheren Jahrzehnten hat sich der Brieftaubensport in seiner heutigen Struktur stark gewandelt. Es ist längst nicht mehr der Sport des kleinen Mannes. War er früher besonders stark verbreitet in den Industrieregionen unseres Landes bei Kohle und Stahl, so ging mit dem Verfall und dem starken Rückgang dieser Industrien und dem parallel dazu verlaufenen gesellschaftlichen Strukturwandel vieles bis dahin Gewohnte verloren. Die Menschen änderten sich, die familiären Situationen ebenso. Selbst Haltungsmöglichkeiten bei Brieftauben verengten immer mehr.
Der Reiz bei vielen Sportfreunden, speziell in den Hochburgen des deutschen Brieftaubensportes, nämlich beim sogenannten Geldspiel, den einen oder anderen dicken Siegpreis oder Vollen zu erringen, brach immer stärker ein.
Für die vielen kleinen Spieler ging damit ein zusätzlicher besonderer Reiz gleichzeitig verloren. Wenn der „Große“ im Sport neben der Meisterschaft den vielen Mitspielern zusätzlich die möglichen Sieg- und Geldpreise ebenfalls wegschnappte, resignierten letztlich viele. Die Aufgabe des Hobbys war dann der nächste Schritt. Der Wandel zu mehr heraufkommenden Profi- und Megaschlägen ist dem Brieftaubensport nicht unbedingt förderlich. Im Rückblick darf man es so durchaus sehen. Ich bin selbst noch ein Vorkriegsjunge und erlebte bewusst in bester Erinnerung, wie in den Nachkriegsjahren die damaligen Taubenväter, die sogenannten kleinen Leute, wie der Bergmann oder der Stahlarbeiter nachbarschaftlich den Sport ausübten und Siege gemeinsam feierten und auskosteten. Diese gesellschaftliche Tradition und Tugend ging leider verloren. Die heutigen Megaschläge, so schön die Erfolge und ihre geschäftlichen Aktivitäten für sie auch sein mögen, in der Mitgliederentwicklung im Sport scheinen sie eher nicht hilfreich zu sein. Viele Durchschnittszüchter haben heute mit den Kosten, die im Sport aufzubringen sind, erheblich zu kämpfen. Wenn wir vernehmen, wie in der Ausgangsbeschreibung dargestellt, im Internet Verkaufserlöse mit Brieftauben in Millionenhöhe erzielt werden, macht es den Durchschnittszüchter eher sprach- und mutlos. Denn er selbst kann von solchen Ergebnissen nur träumen. Wie weit solche Entwicklungen unserem Sport förderlich sind, mag dahingestellt sein. Sicherlich benötigt jede Sportart Aushängeschilder. Sind es Schläge, die eine Vorbildfunktion erreichen und wahrnehmen, kann es für die jeweilige Sportentwicklung nützlich sein. Sind es Schläge, die alles nur kommerziell betrachten und sich selbst nur in den Fokus der Öffentlichkeit stellen, kann von einer sportlichen Vorbildfunktion weniger die Rede sein. So gesehen, tragen heute die sogenannten Megaschläge eine große Mitverantwortung an der Weiterentwicklung unseres Brieftaubensportes.
Friedhelm Borowski